Besuch unseres Projektdorfes in Honduras (1997)
Im Juli dieses Jahres hatte ich Gelegenheit, das Dorf El Nuevo Paraiso in Honduras zu besuchen, mit dem die Liebfrauenschule Sigmaringen seit einiger Zeit in Verbindung steht. Die Kontaktperson in Honduras ist Schwester Christiane Emig aus dem Mutterhaus in Erlenbad; sie war vor ein paar Jahren in Sigmaringen zu Besuch und stellte den Kontakt her.
Unsere Verbindung zu El Nuevo Paraiso bestand bisher aus gelegentlichem Briefwechsel und finanzieller Unterstützung, aber irgendwie fehlte der "richtige" Bezug. Deshalb wollte ich dieses Projekt näher kennenlernen, zumal Schwester Christiane mich ganz spontan auch dazu eingeladen hatte. Außerdem suchte ich nach Mitteln und Wegen, unserer Arbeit am Thema Eine Welt ein persönlicheres Gesicht zu geben.
Doch zunächst der Reisebericht. Nach umständlichem Flug über Chicago und Miami und einem halsbrecherischen Anflug (wegen einer extrem kurzen Landebahn) auf Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, stand ich leicht nervös in der Warteschlange der Zollabfertigung: erstens waren meine Spanischkenntnisse minimal, zweitens hatte ich zwei Koffer voller Schuhe und Kleider dabei, die - da lauter Kindergrößen - ganz offensichtlich nicht zu meinem persönlichen Gebrauch bestimmt waren. Doch dann tauchten zwei Ordensschwestern im eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Bereich auf, und schneller als ich es in dieser für mich neuen Welt realisieren konnte, wurde ich als eine Art Diplomat durch alle Formalitäten und Kontrollen geschleust. So lernte ich Schwester Maria Rosa kennen, die Leiterin der "Sociedad des amigos de los ninos", der Gesellschaft der Freunde der Kinder mit Sitz in Tegucigalpa. Sie ist aufgrund ihrer Verdienste um das Wohl der Kinder in Tegucigalpa sehr bekannt und geachtet und wird deshalb - auch wegen ihrer starken Persönlichkeit - mit einiger Hochachtung behandelt.
Mit großer Freundlichkeit und Fürsorge nahm Schwester Christiane mich ganz selbstverständlich in ihrer Wohnung auf. Sie führte mich ein in die wirklich außergewöhnliche honduranische Gastfreundschaft, wie ich sie auch später noch öfter erleben durfte. Die Menschen sind herzlich, man wird überall zuvorkommend als Gast behandelt, solange man sich nicht gerade wie ein typischer "Gringo" (weißer Amerikaner im schlechten Sinne) benimmt.
Die Hauptstadt Tegucigalpa
Eine Stadt mit riesigen Ausmaßen, völlig unüberschaubar, da ohne echte Orientierungspunkte, von 800000 Menschen bewohnt, die sich sowohl in typisch amerikanischen Supermärkten mit grenzenlosem Angebot wie in wasser- und stromlosen Vorortslums drängen, zum Teil keine 4oo Meter voneinander entfernt. Die Straßen sind schlecht, der Zustand der meisten Fahrzeuge spottet jeder Beschreibung. Im Sammeltaxi ist es aus gutem Grund verboten, die Tür fest zuzuschlagen. Dafür ist der öffentliche Nahverkehr - da das einzig mögliche Transportmittel für die überwiegende Mehrheit - wirklich spottbillig und hervorragend ausgebaut, was die Verbindungen angeht.
An den Ausfallstraßen liegen eigentlich illegale Siedlungen, aus Blech oder auch Pappe erbaute Hütten, an steile Hügel geklebt. Sie sehen aus, als würden sie höchstens bis zum nächsten Regen halten. Mir ist schleierhaft, wovon die Menschen leben, denn Arbeit gibt es hier draußen keine. Manche versuchen, sich kleine Gärten anzulegen, um vielleicht ein wenig Mais anbauen zu können. Dabei ist das Land wunderschön, ziemlich bergig, mit immergrünen Wäldern im Landesinnern, dünn besiedelt.
El Nuevo Paraiso
Es liegt etwa eine Fahrstunde von Tegucigalpa entfernt. Hier ist Schwester Christianes Wirkungsstätte, der eigentliche Grund meiner Reise. Ein für mich ungewohnter Anblick: das ganze Dorf ist mit Stacheldraht eingezäunt, das Einfahrtstor von einem jungen Burschen mit großkalibrigem Gewehr bewacht. Das Gewehr ist eher traditionelles Gehabe; später sehe ich noch viele Männer mit großkalibrigen Waffen rumlaufen, das scheint ganz normal zu sein.
Ich erfahre, dass die persönliche Hygiene für Honduraner sehr wichtig ist, die öffentliche dafür umso weniger. Deswegen erscheint die typische Honduranerin - und wenn sie noch so arm ist - immer wie aus dem Ei gepellt, doch Parkbänke oder gar öffentliche Toiletten regen nicht zur Benutzung an.
Wir machen einen Rundgang durchs Dorf. Nahe beim Gästehaus (3 Zimmer, ein Versorgungstrakt, ein paar Waschmaschinen) steht eine kleine Kirche, daneben ein Haus, in der die Verwaltung untergebracht ist. Den größten Teil des Dorfes nehmen die Häuser der Frauen ein. Sie sind einfach, aber aus Ziegeln gebaut, haben Küche, Dusche/Klo und zwei Zimmer. Die Frauen kommen meist aus der Stadt, haben Probleme, die ihnen ein eigenständiges Leben im Moment nicht möglich machen und finden hier im Dorf Arbeit (meist auf den Feldern) und eine Betreuung für ihre Kinder im Kindergarten, in der Schule oder in den Ausbildungsstätten. Der gesetzliche Mindestlohn in Honduras beträgt ungefähr 900 Lempira im Monat, das sind ungefähr (Stand 1997) 70 US-Dollar. Davon kann man eigentlich auch in Honduras nicht leben. Deswegen bekommen die Kinder im "El Kinder" und in der Schule das Essen gestellt. Es besteht aber in der Regel lediglich aus Mais, Bohnen und Obst, vielleicht ein Mal pro Woche etwas Fleisch, mehr Geld ist nicht vorhanden. Zum Dorf gehören noch die Grundschule, eine weiterführende Schule mit angegliederten Werkstätten, ein paar Häuser für Familien in Not und eine Ziegelei. Die Grundschule hat drei Klassen, ebenso die weiterführende Schule. Die Leiterin ist ausgesprochen freundlich und führt mich durch die Räume: einfachste Ausstattung, eine kleine Tafel, einfachster Unterricht (Lesen und Schreiben, Rechnen und sogar ein paar Brocken Englisch), aber wahrscheinlich mehr als die meisten anderen Kinder im Land geboten bekommen. Die Werkstätten bieten den älteren Kindern die Gelegenheit, mit Holz, Metall bzw. mit Nadel und Faden zu arbeiten, um auch hier ein paar grundlegende Fertigkeiten zu erlernen. Auch die Kinder sind sehr freundlich, arbeiten ruhig und diszipliniert und freuen sich, dass sich ein Fremder für ihre Arbeit interessiert.
Michael Fürst